Referat Albino Sterli, MPV-Präsident

 

Liebe Anwesende

 

Seit meinem Antritt als Präsident des MPV musste ich vor allem in den letzten 5-6 Jahren feststellen, dass die Politik rsp die verschiedenen zuständigen Behörden durch ihre Bestimmungen und Verordnungen die Arbeitswelt und den Arbeitsmarkt stark prägen und mitregulieren. Nicht immer werden die neuen Bestimmungen positiv aufgenommen.

Als Beispiel nenne ich die Einführung eines Mindestlohnes für Ungelernte in den Kantonen Waadt; auch im Jura und im Tessin stehen die Zeichen trotz Widerstand seitens Arbeitgeberschaft nicht schlecht, ebenfalls einen Mindestlohn einzuführen.

 

Gleichzeitig stelle ich fest, dass generell die älteren Arbeitnehmenden die Benachteiligten und leidenden, sobald ein Betrieb Restrukturierungsmassnahmen vorsieht oder geschlossen wird. Gehören diese Arbeitnehmenden nicht einem Berufsverband rsp Gewerkschaft an, finden sie sich im herrschenden Gesetzesdschungel, mehr als ihre jüngeren Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen, überhaupt nicht zurecht. Wenigstens teilweise nimmt in solch einem Fall eine explizite GAV-Vereinbarung, die von weisen und vorausdenkenden Sozialpartnern getroffen wird, von den arg verunsicherten und gestressten Arbeitnehmenden den enormen Druck weg.  

 

Wir mussten vor allem in den letzten Jahren betrübt feststellen, dass der GAV-Inhalt mit wenigen Ausnahmen praktisch aus Bestimmungen des OR und des Arbeitsgesetzes besteht. Aus unserer Sicht besteht der Sinn eines Arbeitsvertrages aber darin, Arbeitsbedingungen zu erarbeiten, die über das gesetzlich Vorgeschriebene gehen und Bedingungen einführen, die auf die jeweilige Branche zugeschnitten sind und den jeweiligen Beruf für potentielle Lehrlinge attraktiv macht und für das qualifizierte Personal so ausgestaltet sind, dass sich jemand nur widerwillig gegen die Branche entscheidet und in Fremdbranchen abwandert.

 

Ihr alle wisst, dass die Ausarbeitung eines Gesamtarbeitsvertrages eine der Kernaufgaben der Sozialpartner ist.

 

Für dieses Jahr standen die Verhandlungen über den neuen GAV ab 2019 in der Agenda. Unsere Verbandsleitung hat sich sowohl während der Klausurtagung als auch danach sehr intensiv mit dem Inhalt auseinandergesetzt. Der rege Austausch innerhalb der MPV-Gremien, die Resultate der Mitglieder-Umfrage und die daraus entstandene Diskussion hatten zum Ziel, die notwendigen Anpassungen und Neuerungen in einem Forderungskatalog zusammen zu stellen. Dabei wurden die folgenden Punkte berücksichtigt:

 

Gesetzliche Bestimmungen

Erwartungen der Arbeitnehmenden

Vergleich zu affinen Branchen

Besonderheiten der Fleischbranche

Verständnis für die Fleischbranche

Gesellschaftliche Veränderungen

Nachwuchsproblematik und Abwanderung in Fremdbranchen

Fachkräftemangel

Verlust von Fachwissen

Einwanderung von qualifiziertem und unqualifiziertem Personal

Bestehende Lohnstrukturen und deren Entwicklung in den letzten 10 Jahren

Präzisierung der aktuellen und Schaffung von neuen Lohnstrukturen

 

Wir kennen als im aktiven Berufsleben stehende Mitarbeitenden die Erwartungen sowohl unserer Mitglieder als auch deren Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Wir wissen auch, dass bereits heute in sehr vielen Betrieben fortschrittliche und weitsichtige Arbeitgeber ihren Arbeitnehmenden weit mehr gewähren, als im Gesamtarbeitsvertrag fixiert ist.

 

Eine der Forderungen war die Bezahlung des ganzen 13. Monatslohnes ab 1. Anstellungsjahr, was in einer Mehrzahl der Betriebe praktiziert wird. Diese Forderung wurde vom SFF angenommen.

 

5 Wochen Ferien ab 1. Anstellungsjahr – wurde vom SFF kategorisch abgelehnt, obwohl auch in diesem Fall sich sehr viele Arbeitgeber an diese arbeitnehmerfreundliche Praxis halten.

 

Heute kann ein frischgebackener Vater gemäss GAV zwei bezahlte Tage mit Frau und Kind verbringen. Da aber vermehrt junge Väter bewusst Zeit mit ihrem Baby verbringen möchten wäre es ein positives Zeichen gewesen, die geforderten 5 bezahlten Tage Vaterschaftsurlaub zu gewähren. Leider entschied sich SFF, nur einen zusätzlichen freien bezahlten Tag zu akzeptieren.

 

Besonderer Kündigungsschutz für Mitarbeitende ü58 mit längeren Kündigungsfristen– wurde vom SFF nicht angenommen. Wir finden es mehr als bedenklich, dass die Arbeitgeberschaft genau die Arbeitnehmenden mit viel Fachwissen – trotz Fachkräftemangel und massive Abwanderung in Fremdbranchen, nicht schützt. Das Bewusstsein scheint den Arbeitgebenden zu entgehen, dass eine Kündigung in dieser Alterskategorie auch die zukünftigen Altersrenten ihrer teilweise langjährigen Arbeitnehmenden stark kürzen.

 

Zwingender Sozialplan bei Firmen-Auflösung – wurde vom SFF nicht angenommen

 

Einführung eines Minimallohnes für ungelernte Mitarbeitende – seitens SFF wurde gar kein Vorschlag deponiert und unsere Forderung nicht angenommen, obwohl 60% der Mitarbeitenden zu dieser Kategorie zählen.

 

Gerne hätte SFF jedoch den Minimallohn für Ungelernte Mitarbeitende im Catering eingeführt. Der MPV konnte sich jedoch nicht hinter diese Lösung stellen, da es nicht nachvollziehbar ist, sogar bei den ungelernten Mitarbeitenden in Sachen Minimallohn zu unterscheiden.

 

Unser GAV kennt die Gewährung vom Dienstjubiläum – in gemeinsamer Ausarbeitung waren sich die Sozialpartner einig geworden, den Passus auszugestalten.

 

Seitens SFF bestand die wesentliche Forderung in der Einführung der Jahresarbeitszeit und des Minimallohnes für Mitarbeitende im Catering, um damit die Gleichwertigkeit zum GAV Gastro anzustreben.

 

Uebrige Anpassungen von beiden Seiten waren eher präzisierender Natur.

 

Der MPV hat seit Bestehen immer wieder bewiesen, dass die von uns gestellten Forderungen an den Arbeitgeberverband nicht überrissen sind. Vor allem aber ist ein Gesamtarbeitsvertrag ein Dokument, hinter dem man als Sozialpartner stehen kann.

Können wir als Berufspersonalverband wirklich mit Stolz und Ueberzeugung einen GAV unterschreiben, der keinen Minimallohn für ungelernte Mitarbeitende definiert, mehr noch, sogar untereinander diskriminiert?

Können wir einen Vertrag unterschreiben, deren Lohnstruktur der Realität hinterher hinkt und in den letzten 10 Jahren nur minimal angepasst wurde, ganz zu schweigen von den 7 faktischen Nullrunden? Der Wahrheit zuliebe muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass eine Einigung in Sachen Lohnstruktur eigentlich möglich gewesen wäre, hätten beide Sozialpartner noch mehr Kompromissbereitschaft gezeigt.

 

Wir sind der festen Ueberzeugung, dass verbesserte Arbeitsbedingungen den Beruf Fleischfachmann/Fleischfachfrau attraktiver machen. Wollen wir mehr Lehrlinge, weniger Abwanderung in besser entlöhnte Fremdbranchen, genügend wenn nicht sogar mehr qualifizierte Fachleute, braucht es nebst der Freude am Beruf auch Löhne und Bestimmungen, die über das gesetzlich Vorgeschriebene gehen.

 

Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite haben es in der Hand, mittels Gesamtarbeitsvertrag die Arbeitsbedingungen in der Branche festzulegen. Der MPV hat in den letzten Verhandlungen immer wieder darauf hingewiesen, dass der GAV auch regionale Besonderheiten und/oder Richtwerte enthalten kann, die den Bedürfnissen der Branche entgegenkommen.

Leider wurde dieses Potential von SFF weder erkannt noch wahrgenommen, andernfalls wären die Verhandlungen erfolgreich gewesen. Für den MPV ist es nicht erstrebenswert, bessere Bedingungen im GAV einzuführen, die aufgrund von politischen Entscheidungen entstehen.

 

Wir haben angeboten, den GAV um ein weiteres Jahr zu verlängern, um zwischenzeitlich nochmals Verhandlungen aufzunehmen. Wir sind der Meinung, dass der Dialog zwischen den Sozialpartnern nicht unterbrochen werden darf, um gemeinsam die Bedürfnisse aller Involvierten unter einen Hut zu bringen.

 

Die Antwort der Arbeitgeberseite spricht für den rauen Wind in der Fleischbranche: der GAV sei um zwei Jahre, nämlich bis zum 31.12.2020 zu verlängern. Zudem seien die Verhandlungen alleine auf der Basis des GAV 2015 aufzunehmen. Ohne entsprechende Antwort von unserer Seite gehe der SFF davon aus, dass wir nicht mehr gewillt seien, die Sozialpartnerschaft im bisher bewährten Rahmen fortzuführen und der SFF entsprechende Alternativen ins Auge zu fassen habe.

 

Der SFF stellt unsere Weigerung, den GAV zu unterschreiben, einer Gefährdung der Sozialpartnerschaft gleich. Dies ist aber nicht unser Ziel, denn ohne GAV wäre die Branche destabilisiert. Für uns stellt sich aber die Frage, wie der bisherige bewährte Rahmen zu verstehen ist:

 

Ist der MPV ein angenehmer Sozialpartner, weil er seit Bestehen sich immer genügsam verhalten und gefügt hat? Haben sich beide Verbände bis heute in einer Komfortzone aufgehalten? Ist Kompromissbereitschaft nur einseitig?

 

Bedeutet ein Nichtunterschreiben des GAV, dass die Sozialpartnerschaft seitens SFF aufgelöst werden wird? Strebt SFF die Sozialpartnerschaft mit einem anderen Arbeitnehmerverband an? Will der SFF überhaupt noch einen Sozialpartner?

 

Wir können diese Fragen zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Was wir aber mit Sicherheit sagen können ist folgendes:

 

Der MPV erachtet die Sozialpartnerschaft mit SFF als eminent wichtig. Der MPV unterstützt den respektvollen und wertschätzenden Dialog unter den Sozialpartnern. Für den MPV ist die Sozialpartnerschaft kein Lippenbekenntnis.

 

Als Präsident unseres Verbandes wünsche ich mir, dass auch die Gegenseite zu dieser Erkenntnis kommt – denn ohne organisierte Arbeitgeber und Arbeitnehmer hätten die zwei Verbände MPV und SFF keine Daseinsberechtigung in der jetzigen Form.

 

Ich schliesse mit der felsenfesten Überzeugung ab, dass wir bei SFF auf einen fruchtbaren Boden treffen werden. Die ersten kleinen Schritte in diese Richtung sind Natel sei Dank bereits gemacht worden.